Etwa 30 Personen, darunter auch viele Kinder und Jugendliche, freuten sich auf den Märchenabend mit Charles Aceval in der Halle der Weiler Flüchtlingshilfe. Charles Aceval ist davon überzeugt, dass die Geschichten, die erzählt werden, bleiben, und dadurch die Menschen, die diese Geschichten erzählen, auch nicht vergessen werden. An diesem Abend begeisterte Charles Aceval mit ganz neuen selbst geschriebenen Geschichten über Heimat und Freiheit.

Auch er machte die Erfahrung, sich eine neue Heimat suchen zu müssen. Aufgewachsen in Algerien lebte Charles Aceval einige Jahre in Frankreich, bevor er in Weil seine Heimat fand.

Doch dies ist immer wieder ein schmerzhafter Prozess, da man seine Verwandten und Freunde zurücklassen muss. Außerdem verändert sich das Leben in der neuen Heimat anders als in der alten, so dass man nach Jahren seine alte Heimat bei einem Besuch oft gar nicht wiedererkennt.

Dazu erzählte Charles Aceval eine Geschichte ohne Titel und ohne Namen von Orten, Personen und Tieren.

In einem Fischerdorf lebte ein junger Mann mit seiner Mutter und vielen Geschwistern in großer Armut. Im Dorf erzählte man sich von einem Land, indem man frei und gut leben könne. Aber man müsste das große Meer und eine große Nebelwand überqueren. Auch der junge Mann träumte davon und versuchte immer weiter über das Meer zu kommen. Dabei gab er einer roten sprechenden Schildkröte, die er gefangen hatte, die Freiheit.

Irgendwann waren der Hunger und die Not so groß geworden, dass der junge Mann den Entschluss fasste, über das Meer zu gehen. Er verabschiedete sich von seiner Familie und wagte die Fahrt über das Meer. Doch das Boot geriet in einen heftigen Sturm und zerbrach. Der junge Mann versank in der Dunkelheit. Als er erwachte und die Augen öffnete, saß auf seinem Bauch die rote Schildkröte der er die Freiheit geschenkt hatte. Zusammen gingen sie los, erreichten ein Schloss und trafen dort eine Prinzessin. Diese sprach zu ihm: „Wenn du willst, werde ich mein Leben mit dir teilen“. Der junge Mann war sehr glücklich darüber und blieb. Doch nach 7 Jahren spürte er Traurigkeit. Es zog ihn in seine alte Heimat. Die Prinzessin hatte Bedenken: „Wenn du gehst, wirst du nicht mehr zurückkehren.“ Der junge Mann war entsetzt: „Was denkst du von mir? Selbstverständlich komme ich wieder!“ Die Prinzessin war einverstanden und sprach: „Ok, aber nimm diese Muschel aus Silber mit. Du darfst sie aber auf keinen Fall öffnen.“ Der junge Mann ging und erreichte seine alte Heimat. Doch er erkannte sie nicht wieder. Alles hatte sich verändert, alles sah anders aus, das Dorfleben war anders geworden, und die Menschen erkannte er auch nicht mehr. Der junge Mann ging zum Friedhof. Dort fand er das Grab seiner Mutter. Er war entsetzt, als er sah, dass diese schon seit über 300 Jahren tot war. Dann erinnerte er sich an die silberne Muschel der Prinzessin. Er wusste, dass er sie nicht öffnen sollte. Dennoch öffnete er sie, und sofort zerfielen er und die Muschel zu Staub.

Danach lernten wir, warum Märchen und Wahrheit schon immer zusammengehören, wie ein Sultan auf ungewöhnliche Weise einen Religionsstreit löste und amüsierten uns über die Veränderungen des Fischers, der klug sein wollte.

Anschließend gab es die Möglichkeit für viele gute Gespräche bei Tee und orientalischem Gebäck.

Herzlichen Dank an Charles Aceval für diesen schönen Abend, an dem er uns wieder ganz besondere Geschichten und Märchen nahe brachte.

Damit ist nun die schöne Reihe der Märchenabende in diesem Jahr zu Ende gegangen. Sie dürfen sich aber schon auf ein neues Kulturprogramm im Jahr 2020  freuen, das gerade geplant wird.

 

Ebenso danken wir für alle eingegangenen Spenden, die der Weiler Flüchtlingshilfe zu Gute kommen. Herzlichen Dank auch an das Landratsamt, das diese Abende finanziell unterstützt hat.